Am Balkon rauchend im Westen. Die Laternen stehen arbeitslos da, obwohl der Tag schwärzer ist als die Nacht.
Der Rauch fliegt in verschiedene Richtungen, so wie du. Nicht zu fassen, im wahrsten Sinne.
Noch eben in meinem trockenen Mund und schon in der Luft, in die helle Dunkelheit hinaus.
Kühe schreien und nur einem von fünf Telefonpartnern entrutscht ein Lachen über ländliche Hintergrundgeräusche.
Alles fällt mir ein. Ich projeziere die Gespräche auf die Holzbalken von Balkonien. Der Schlitz, ein Muster. Zusammen, auseinander, zusammen. Wie zwei Menschen die sich küssen siehts aus. Deren Profile. Im Kopf stecken Nägel und ich lege die Worte “hart und schwer und versuche” auf die Nägel hinauf. Telefonbilder. Balken, die mich an Gespräche erinnern.
Ich schaue an mir hinunter und meine Beine sind so dünn wie sie es nie waren. In schwarzen Strumphosen und Mamas kitschigen Sonnenblumenschlappen.
Am Tisch die Zigarettenpackungen von drei starken Frauen, die aber ihre Laster und Lasten herumtragen. Später Gegröhle wegen einem Kartenspiel und aufatmen.
Sehr philosophisch angehaucht diese Tage.
Liegt wohl an der vielen Ruhe, der Veränderung und dem Buch, das ich lese.
Ein Buch, das ich eigentlich zum zweiten Mal lese. Hape Kerkeling, ein Komiker auf dem Jakobsweg. Auf der Suche nach dem Beweis, ob Gott existiert. Im Grunde auf der Suche nach sich selbst.
Wahnsinnig spannend auf Grund von den unterschiedlichsten zwischenmenschlichen Begegnungen. Eine harte Reise, die er sehr oft abbrechen wollte, um dann doch irgendwoher neue Kraft zu sammeln und durchzuhalten. Es begleitet ihn zwar eine Frage, die ich mir selbst schon beantworten konnte: “Wer oder was ist Gott?” Da sag ich ganz klar für mich: “Das ist jeder Einzelne für sich selbst. Nicht im größenwahnsinnigen Sinne. Sondern im sich selbst Verbundenen. Und auch mit dem Gedanken, dass Veränderungen im Außen zuerst im Inneren stattfinden müssen.
Meine Begegnung mit einer wichtigen Bezugsperson aus meiner Vergangenheit bringt mich auch täglich zum Grübeln. Stattliche 81 Jahre alt ist diese Frau. Unglaublich stark und doch ihrer eigenen Tochter irgendwie ziemlich unterlegen. Sie lässt sich regieren.
In diesem Haus passiert ein unglaubliches Werte-Ping-Pong. Alles wird bewertet und auch gerne als schrecklich und furchtbar empfunden. Pubertät, schon kleine Abnormitäten im äußerlichen und inneren Bereich, Grenzgänger, Aussteiger. Worte wie “schlecht, böse, furchtbar, schrecklich, Machenschaften und Intrigen” fallen. Und ich frage mich, wohin das führt. Ob das Chaos in einem selbst besser werden kann, wenn nur bewertet wird und schwarzgesehen. WARUM das alles so passiert und auch warum wir welchen Menschen begegnen, wird nicht hinterfragt. Lernprozesse werden als furchtbare Schicksalsschläge bezeichnet und das eigene Leben wirkt plötzlich wie ein einzigs Drama.
Um wieder auf das Buch zurückzukommen… Wie unendlich schwierig manche Wege zu beschreiten sind… So schwierig, dass man denkt, die Welt bleibt stehen. Und viele bleiben an dem Ort der Resignation wirklich sitzen. Sind in der Verzweiflung gefangen, entscheiden sich gegen das Kämpfen. Kämpfen gegen sich selbst. Wenige Pilger schreiten voran, trotz Schmerzen und Zweifel. Ich denke, für schwierige Wege braucht der Mensch zu erst mal eines: Vertrauen. Vertrauen zu sich selbst. In der reinsten Form. Das geht Hand in Hand mit Ehrlichkeit zu sich selbst. Was ganz bestimmt der steinigere Weg ist. Aber längerfristig der gesündere. Der, auf dem Entwicklung statfinden kann. Wenn man einen Gipfel erreicht hat, darf man ruhig zum nächsten rüberschauen, die Sehnsucht haben, auch diesen zu bewältigen. Aber erst einmal verschnaufen und zur Ruhe kommen.
Auch ein Film hat mich letztens sehr nachdenklich gemacht. “Vincent will Meer”. Deutsche Produktion, wunderbare Schauspieler, tolles Trio (ein Tourettler, eine Magersüchtige und ein Neurotiker). Diese drei Menschen brechen aus der Anstalt aus. Momente, die sich innerhalb einer Minute in die gegengesetzte Richtung entwickeln. Seh ich mir bald wieder an.
Ich habe Stillstand erlebt. Innerlich. Und ich habe erlebt, wie man innerhalb von Monaten Entwicklungen nachholen kann. Welche Ereignisse was auslösen und meistens sind es doch die unangenehmen, die uns sagen, was zu ändern ist.
Wobei es eben unmöglich, sinnlos und auch respektlos ist, andere Menschen ändern zu wollen. Die Entscheidung sollte im Inneren eines jeden selbst liegen. Und ich verschrub mich eben und statt liegen stand da lieben.
Liebe sollte keine Erwartungshaltung sein, sondern etwas das im eigenen Inneren konstant und verlässlich wohnt. Eine Unabhängigkeit nach außen hin.
Im Grunde finde ich unglaublich wichtig, sich zu entwickeln. Denn ändern… so richtig anders sein will und kann kein Mensch. Wir haben ein Grundwesen und das soll, wie die Mauern eines Hauses auch stehen bleiben. Was in den eigenen Wohnräumen passiert, ist jedoch etwas Großes und Wichtiges. Im Grunde geht es nur um das Voranschreiten. Das Arbeiten mit dem Ich. Das Lernen aus Ereignissen. Und da gibt es Situationen, die sich ähneln. Die aber kein Umdenken auslösen, weil der einfachere Weg friedlich vor einem liegt und man damit auch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wenn ich einfach drauflos gehe, stehe ich dann vor dem nächsten Weg, der vielleicht mehr Gefahren birgt und bin unausgerüstet. Habe noch keinen Gipfel erklommen, bin noch nie gekrochen, vertraue mir selbst nicht. Und wenn es einen steinigen Weg gab, dann habe ich resigniert und auf Hilfe gewartet. Wie in dem Buch, als Hape sich im Auto mitnehmen ließ. Bestimmt eine kluge Entscheidung auf Grund seiner Dehydration. Aber wenn es nicht um den körperlichen Verfall geht, gilt es zu kämpfen. Mit allen Mitteln.
Ein Mittel, das wie gute Schuhe wirkt am Weg nach oben, ist bestimmt Ehrlichkeit nach innen und außen. Ein Mittel, das wie ein stützender Wanderstab auch Wege nach unten ein wenig abfedert, sind Freunde und Familie. Ein Mittel, das ist wie die Beine, ohne die man keinen Gipfel besteigen kann ist wohl Eigenliebe.
Lernen wir das?
Und wenn ja wo?
Sag einmal in der Volksschule laut vor der Lehrerin welche Talente und Stärken du hast. In der Pause kannst du dann die Spottereien kassieren.
Eine Verwandte hat dies einmal versucht. Hauptschule. Junge Menschen, alle Türen in die Welt hinaus offen. Ihre Frage als Lehrerin: “Welche Stärken habt ihr?” KEIN Kind traute sich aufzustehen. Und ich bin mir sicher, dass niemand das wirklich wusste.
Trauriges Ergebnis. Wie soll man ohne Beine den Berg des Lebens erklimmen?
Ich bekam das glücklicherweise von meiner Mutter mit. Das Gefühl, wertvoll zu sein. Und doch gab es oft Momente in meinem Leben, in denen ich zweifelte und resignierend am Weg sitzen blieb.
Weitergetrieben hat mich dann wohl nur die Aussicht, irgendwann oben zu stehen. Eigenliebe zu entwickeln, Vertrauen zu bekommen.
Ja, sehr philosophisch, das Prinzesschen. Und vielleicht wirkt der Vergleich ein wenig abgeluscht, das Leben als Berg zu bezeichnen. Aber mein Hirn rattert und ich teile mich gerne mit. Ich führe gerne Diskussionen und vorallem bin ich hungrig nach Wissen. Hungrig nach Entwicklung. Hungrig nach dem Leben.
Mama, Mama, nimm mich an der Hand. Ich muss dir so viel zeigen. Komm auf meine Höhe, hier unten riechts und tantzts ganz viel. Sei nicht so verträumt. Schau einfach, was ist und nimms in dich hinein.
Ihre Lieblingsbücher stehen alle ganz oben, auf einem Podest. Ratgeber in der Mitte, weil man die hin und wieder braucht. Die peinlichen Liebesschnulzen sind ganz unten. Wenn sie ein Buch auswählt, mit dem sie ins Bettchen steigt, dann tut sie das sehr bedacht. Ihre knöchernen Finger streifen über die Bände und hüpfen dabei leicht auf und ab. Oft fühlt sie nur und zieht dann raus. Riecht darin und einmal… Einmal fällt eine Karte heraus. Eine Karte, die ihr ein guter Freund aus dem Krankenhaus schrieb. Sie starrt fasziniert auf die Schrift eines Toten. Dass sie nicht verblasst… Komisch. Im Grunde bleibt alles bestehen, außer dem Geist und dem Körper des Menschen. Alles ist da. Die Decken in denen er schlief, die Gitarre die er spielte und sein krakeliges Schriftbild, das Hoffnung verspricht. Und Ruhe. Die er nun hat.
Sie setzt sich mit der Karte hin und hat für heute ihren Lesestoff gefunden. Ein Kaffeering irritiert das Gesamtbild der Karte leicht. Ihr Kaffeering. Ganz lebendig hat sie einmal eine Tasse unbedacht auf seiner Karte abgestellt. Und die Katze hatte ein Stück weggenagt. Ein Stück EAN-Code im Katzenmagen. Sie kichert und sieht auf den Schlafplatz des Tieres. Sie ist wohl draußen. Es dunkelt.
Er schaut wohl herab, herauf, von der Seite, ist immer und überall und schreibt nun keine Karten mehr. Kaffeeringe landen auf anderen Sachen. Er ist weg und ein salziger Tropfen gesellt sich zur Krakelschrift.
Da steht man am Rande eines Abgrundes und es weht ein kalter Wind herauf.
Hinabgestiegen, ausgeharrt, eingesehen, um auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Mit Muskeln, mit Kraft, mit neuen Geschichten.
“Hast du einmal dieses Sternensystem an Muttermalen auf deinem Oberkörper gesehen?”
“Hm?”
“Na da, sieh! Das sind Sternbilder. Weißt du denn wieviele es sind?”
“Nein. Wieso?”
“Um dich selbst besser zu kennen.”
“Das sind doch nur Äußerlichlichkeiten.”
Die Sonne fängt die Worte auf und die Wiese kitzelt den Rücken.
Im Nebenraum spielt ein Menschenswesen wunderbare Klaviertöne. So, dass mein Herz leicht einreißt. So zierlich und fließend. Zerbrechlich und ehrlich, aufbäumend und klar. Erzählt Geschichten einer Muse, eines Försters, eines Mädchens mit einer kleinen Knopfaugenpuppe. Ein Krieg bricht los, aber das Haus steht noch da und die Wände erzählen von Generationen, von groben Händen, die es erbaut. Der Wind pfeift, aber die Magd bewahrt ihre Grazie. Mit gebeugtem Kopf hält sie den Krug und wartet auf Anweisung. Ihr Herz ist rein und ihre Augen blicken scheu nach unten.
Wie kann man so schön spielen, hab ich ihn gefragt und wieder fröstelt es mich. Fährt es durch Mark und Bein. Es alles scheint nicht von dieser Welt zu sein. Er hält kurz inne und sagt: Übung.
Nimm ein bisschen meine Hand, dann wissen zwei Menschen kurz, wo sie hingehören.
Nimm ein bisschen von meinen Träumen, damit ich realistischer sein kann.
Nimm ein bisschen Chaos mit und legs auf den Haufen von letztem Jahr.
Lass uns diesen Berg dann erklimmen und die Fahne hissen.
Denn nun wissen wir.
“Rausch-Schwaden”.
Das sind wohl sehr bunte und sogar geruchsintensive Wolken, die jeden einhüllen, der sich darauf einlässt und der mit Prosa was anfangen kann.
Nichts, das man im Vorbeigehen lesen sollte.
In erster Linie schreibe ich für mich selbst. Viele Geschichten werden darum wohl in Schubladen verstauben.
Die sekundäre Motivation ist wohl, dass ich es liebe, in fremden oder weniger fremden Köpfen Bilder entstehen zu lassen. Ruhe. Tee. Musik. Geschichten. Seelenbalsam.
For all the Love-Dogs in this world.