Sissi und ich
Ich nenne sie Sissi. Weil sie irgendwie zierlich ist. Und gekünstelt.
Sie sitzt im Bus, ganz vorne, parallel von mir. Ein Lächeln umspielt ihren Mund. Sie wirkt angestrengt glücklich, Seitenblicke scheint sie gewohnt zu sein. Oder sie kann nicht anders, weil Botox ihr ein entspanntes Gesicht verwehrt. Sie ist bestimmt Mitte 60.
In der Hand hält Sissi ein Taschentuch mit roten Flecken in der Farbe ihres knalligen Lippenstiftes. Die Krönung sind die lackierten Fingernägel im selben Ton. Immer wieder streicht sie mit dem Finger über ihre gebleckten Zähne, um das Rot dem strahlenden Weiß der Dritten weichen zu lassen. Ihr Augen wirken schwer unter den endlos langen Kunstwimpern. Der kanarienblaue Lidschatten zaubert einen Himmel über ihren erwartungsvollen Blick nach vorne. Ich glaube, die Frau zieht gerne Schlussstriche, denn weit unter (!) die Augen ist ein verwackelter, schwarzer Lidstrich gemalt worden. Von einem betrunkenen Kosmetiker oder von Sissi selbst.
Ihr voluminöser Oberkörper steckt in einem schwarzweißen Kleid. Die unpassend dünnen Beinchen baumeln heraus und enden in hohen Schuhen mit Kork-Absätzen und kleinen Vogelnestern am Rist.
Überall türmt es sich. Auf dem Kopf macht sich ein voluminöser weiß-blonder Schopf breit.
Ihr Lächeln irrietiert mich. Ab und zu öffnet Sissi die Lippen, als wollte sie ein leises “aaaaah” hauchen. Sofort aber schließt sich der Mund wieder und verwandelt sich zu einem starren Grinsen.
Damenhaft lehnt sie sich in die Kurven und der Bus trägt sie dahin, wo sie dieses Make-up brauchen wird. Sissi muss mindestens eine Stunde an ihrerer Fassade gearbeitet haben.
Ich betrachte mein noch junges Gesicht in der dunklen Spiegelwand vor mir und frage mich, ob sie wirklich noch mal jung sein will. Einer meiner Wangenknochen ist sehr hoch, einer hängt sehr tief, wie eine Hamsterbacke. Mein linkes Auge ist weiter oben. Ich sehe die Naht im Spiegel und lächle mir selbst zu. Verschobenes, glückliches Ich am Weg nach Hause. Die Morgenlandschaft fährt an Sissi und mir vorbei.
